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Der Weg, die Spur und der Ton
 

Harald Jegodzienski

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Text in progress…
über meine bildnerischen und generellen Grundgedanken,
basierend auf Bandaufzeichnungen dreier Seminareinführungen

 
Kurzform meiner Intention

Die freie akademie möchte in der kommenden Zeit Euch einladen, d.h. die Türen werden offen stehen für raumgebende offene Gedanken und gerichtetes Formenspiel. Ich wünsche Euch, dass Ihr Werkzeuge finden werdet, um über die Mauern der Alltags-Selbstbegrenzungen hinwegzuschauen und dass Ihr das Leistungsdenken vor der Eingangstür lässt.

Dies soll keine Produktionsstätte sein, eher eine Ideenschmiede, in der man gleichsam als Archäologen Grundlagen herausschürfen, den Hintergrund nach vorne bringen kann - und das ohne Zeitdruck. Ich stelle mir dabei eine Basisstation vor, in der Ihr authentische, identische Arbeiten kreieren und am Ende der Seminarzeit diese in Eure „Rucksäcke" füllen könnt. Der Weg dorthin könnte so bezeichnet werden: Anstelle routinierter

Seminarraum auf dem
Unteren Hardthof

Übungen sollen Wahrnehmungen, - als die Zusammenarbeit der einzelnen Sinne -, zugelassen werden, um sich von diesen so wahrgenommenen Dingen und Ereignissen verführen und führen zu lassen. Aus diesen Erlebnissen, so meine Hoffnung, könnten individuelle, sehr spezifische Erfahrungen von Euch erwachsen. Dieser Ort wird temporär geprägt sein durch bauen, hämmern, nachdenken, notieren, zurückholen, vorholen, durch Gespräche und Zusammenarbeit untereinander. Neu deutsch formuliert, könnte das so heißen: extreme event zone. Für diesen Weg biete ich meine Begleitung an.

In der Folgezeit werde ich von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz gehen und die darauf platzierten plastischen Formulierungen von Euch begleiten, Euch von dem Gleis abholen, auf dem Ihr hier angekommen seid, Spiele anbieten etc. etc., kurz: Ich werde Euch mit meiner Argumentation konfrontieren. Ehe ich Euch etwas erkläre, möchte ich aber m i c h vorher erklären, damit Ihr auch das Fundament kennt, auf dem meine Argumentation steht. Damit seid Ihr dann auch in der Lage, Vergleiche zu dem bisher Erlernten und Erfahrenen zu ziehen. (aka-Galerie)

Wenn wir erleben, fängt unsere Gefühls- und Wissensmischmaschine an zu arbeiten: Wir rufen ab, vergleichen, verknüpfen, ziehen Beispiele heran, tarieren aus, kurz: Man befindet sich auf einem Weg, ist in einem „bewegenden" Prozess involviert.

Wenn wir den Computer mit seinen Suchmaschinen befragen, bekommen wir in ca. 0,2 Sekunden unsere Antworten oder doch wenigstens ein überreiches Angebot, sie finden zu können. Hier gibt es ein unerbittliches klares „ja" oder „nein", kein Abwägen oder Lavieren. Das heißt auch: Der Prozess, ein Weg des Austarierens, fällt weg und das Resultat steht übergroß im Vordergrund und Resultate reihen sich aneinander. Diese harten Fakten sind Grundlage unserer Kommunikation. - Ist man sich unsicher, wird im omnipotenten Internet die Unsicherheit in kürzester Zeit behoben.

Uns wird vieles abgenommen, sofern man es wünscht: Ausgefeilte Module oder ganze Konzeptionen wollen zu unserem Wohle dienen. Zum Beispiel bei der Essenszubereitung: Soßen brauchen nicht mehr abgeschmeckt zu werden, Fleisch nicht mehr gewürzt und die richtige Zusammenstellung aller Zutaten oder Komponenten ist auch schon gewährleistet. Das Sammeln der Kräuter, das Beriechen, Beklopfen, das Tasten der Lebensmittel (, also „Mittel für das Leben"), das Herrichten und die „aktive" Vorfreude auf das Mahl, - all das, wenn es denn gewünscht wird oder die Zeit fehlt, kann wegfallen und damit auch die Prozesse.

Die bildnerische Sprache des Herantastens, der Suche, des Abwägens als allgemeingültiges Kommunikationsmittel ist dabei also sehr in Frage zu stellen. Man kann sogar postulieren: Sie hat ausgedient. Was bleibt, sind unsere Gefühle.

„Wir" meinen also in unserer virtuell geprägten Welt, diese tatsächliche begreifen zu können, ohne sie eigentlich je real begreifen, spüren, erfahren gelernt zu haben. Geschweige, dass man sich durch Materialien hindurcharbeiten, graben und schürfen müsste, um das Gefundene in seine bildnerischen Arbeit einarbeiten zu können, in seinen täglichen Gedankengang einbeziehen wollte.

Viele unserer Bereiche werden für uns verwaltet. Dafür müssen wir aber auch als Gegenleistung funktionieren. Gibt es bei der Funktionsausübung Probleme, werden in Büchern z.B. mit dem Titel „Mehr Verkaufserfolg durch Selbstcoaching" folgende Fragen versucht zu beantworten:

1) Wie erhalte ich meine innere Balance zwischen Privat- und Berufsleben?
2) Wie kann ich dem allgemeinen Leistungsdruck langfristig standhalten ohne auszubrechen?
3) Was kann ich tun, um meine Zeit effektiver zu nutzen?
4) Welche aktuellen Erkenntnisse aus der Leistungspsychologie kann ich zu meinem Vorteil in meinem Leben umsetzen?

Die Ansprache ist vielversprechend: Neue Impulse auf dem persönlichen Weg zur „Lifeleaderchip" (Lebens-Meisterschaft) werden vermittelt. In unserer heutigen Zeit der Leistungsorientierung, Zeitknappheit, Informationsflut und permanenten Veränderung würden solche Fragen einen immer höheren Stellenwert gewinnen.

Alles in unserer Gesellschaft ist auf Steigerung angelegt: Nicht nur das Bruttosozialprodukt, auch Genuss, Gehälter und die Lebensqualität wollen stets verbessert bzw. erhöht werden. Bis jetzt funktionierten die Wellenbewegungen von Trübsinn und Freude, von Baisse und Hausse: Der Weg aus einem Tal führte geradezu zwangsläufig wieder auf einem Berg hinauf. Die Hoffnung, die Höhen wiederum zu erreichen, wurde genährt durch die Erinnerung der vormaligen Talerfahrung. Nun breitet sich aber eine gähnende Ebene vor uns aus, ohne Aussichten von Bergeshöhen (2004), von denen man wieder eine Zeitlang die Übersicht über die nahe Zukunft erhalten könnte. Die Zeiten von Visionären scheint verdörrt.

Vielleicht ist das unmöglich scheinende Zusammenspiel von Groben und Zerbrechlichem, dem Schwerfälligem und Leichtem oder Männlichem und Weiblichem nicht durch Optimierung der Leistungsfähigkeit näher zu kommen, sondern durch eine Reise zu sich selbst?

Man könnte auch anfangen, solche Fragen zu beantworten:

  • Wo und wann empfinde ich Präsenz, Überraschung und Kraft?
  • Wo hört das Bewundern auf und fängt das Staunen an?
  • In welchen VorBildern spüre ich die Kraft, die mich mit ihnen bindet?
  • Wann kann ich durch Spiel und Verknüpfung mich selbst mit Lösungen überraschen und einem Geheimnis auf die Spur kommen?
  • Wo kann ich Energien als Initialzündung einatmen, um mich gerichtet zu bewegen, auf einem Weg befinden zu können?
  • Was macht mein bildnerisches Zuhause aus?
  • Was will sich zur Gestalt, zum Ausdruck erheben?
  • Wo ist mein persönlicher Platz in dieser Welt?

Wer derartige Fragen ernst nimmt, ist auch bereit, dem Nachbarn zuzuhören, Frieden zu stiften oder bei Unstimmigkeiten aktiv seine Stimme zu erheben; auch und gerade weil die derzeitige Welt das Gewichten und Tarieren zu verlernen scheint. Das Verhalten während der zwei Weltkriege von Menschen in den Töpferorten im Elsass war auffällig: Eine Doktorarbeit befasst sich mit friedlichem Zusammenleben der Menschen zwischen den Fronten eines heiß umkämpften Gebietes. Das verbindende Medium aller Menschen dieser Region: Die formbare Erde.

So könnte also e i n Weg, sich der Realität zu stellen, formuliert werden: Einen Ausdruck seiner Selbst zu finden durch Zeichen- und

Gletscher gezeichnete
Felsformation

Bildwerdung von Prozessen und Sichtweisen, die sich nicht platt abbilden lassen. Im Vordergrund steht dabei Dichte und Präsenz eines Gedankens, der zum Material geworden ist, also verarbeitete Realität, - nicht die Zurschaustellung der simplen Beschaffenheit von Material an sich. Eine Art persönliche Transformation und Verdauungsvorgang. Dabei stellt das formbare Material „Erde" durch die Verwebung mit allen anderen Elementen ein besonderes Angebot, Prozesse zu erleben und zu reflektieren, dar. Und generell: „Erde" ist uns das nächste der vier Elemente, benennen wir nach ihm doch unsere Heimat, den Planeten. „Erde" bedeutet Grunderfahrungen (Erdzitate): Zeichen von Endlichkeit, der Verletzbarkeit und Menschheitsgeschichte. „Erdarbeiten sind Spuren der Auseinandersetzung mit unserer Umwelt. Erde wird gebraucht als Gegensatz zum sich Auflösenden, sich Verflüchtigenden. Sie ist unsere Existenz.» (Rolf Iseli, schweizer Maler)

Welches sind also unsere primären Zeichen, die wir mittels Erde (, aber auch Farbe und andere Materialien,) herausschürfen könnten? Wie können wir sie aufspüren und wie sieht das Instrumentarium aus, mit welchem wir sicher umgehen können?

Bildlich formuliert scheinen unsere „Trichter" gefüllt zu sein mit den mannigfaltigsten Einflüssen und Eindrücken. Schichtweise könnten wir nun das Unwichtige vom Wichtigen trennen -, Wichtigkeit auch im Sinne von Gewicht: Dass das Gewichtigere tiefer in den Trichter sacken kann. Und dann das große Geheimnis, was wohl aus dem Trichterloch kommen könnte? Fragen des allgemeinen Lebens stehen zur Beantwortung bloß, ... - neben den formalen Gewichtungen und dem Drang, Kommentare abgeben zu wollen, etwas zum Ausdruck zu geben, seine Aussagen materialisieren und damit zur Disposition stellen zu wollen. Die zum Material gewordenen Gedanken stellen schließlich überschaubare Wegmarken dar, von denen man sehr wohl eine Entwicklung ablesen kann. Entwicklung als eine Maßnahme, den Kern freilegen zu wollen. Das hat auch mit Zeitfaktor und Bedachtsamkeit zu tun.

Diese Vorgehensweise würde eine Art persönliche Archäologiearbeit bedeuten, als Freilegung des Eigentlichen „von Geröll und Schutt". Dazu muss man Mut haben, das eine von dem anderen trennen zu wollen, auch wenn das eine oder andere einem sehr lieb geworden ist, - muss man/frau diese Schwelle als Entscheidung bewusst überschreiten.

Das „S p i e l" ist dazu ein besonderes Mittel zu untersuchen, was nun wirklich gewichtig langsam in den Trichter sacken darf und „tut zudem nicht besonders weh". Diese spielerische Vorgehensweise ist geprägt von den sogenannten Zufällen, als Kreuzungen verschiedener gerichteter Energien, die Lösungen im Detail schon parat haben können. Diese Lösungen entziehen sich noch der Kenntnis, aber sie sind schon sehr nah an der Erkenntnis und mit solch Energien aufgeladen, dass man das Geheimnis entziffern möchte und k a n n .

Spiel" im Zusammenhang mit der Gestaltung von Formen: Zur Klarwerdung von Fragen und Antworten werden dabei z.B. „plastische Orakel" „geworfen", um daraus lesen zu wollen und können. Ein Orakelwurf ist persönlich geprägt, da man schon mehrere Komponenten als Vorauswahl getroffen hat. Man spielt also nicht beliebig, sondern gerichtet. Schon dass man überhaupt spielt und w i e man sein „Orakel anordnet", ist also schon sehr persönlich geprägt. Was sich zur Gestalt erhebt, ohne verkopft zu sein, berichtet das Orakel implizit von persönlichen Wegmarken. Markierungen für die eine oder andere Richtung. Man ist aber auf dem Weg. Der Ordnungssinn , der alles in die Balance bringen möchte, kommt aus einem jeden selbst heraus, oder ist von Ordnungsstudien geprägt/ trainiert.

Derartige Spiele sind nicht willfährige Gesellinnen des Chaos, sondern offenbart die inneren Belange und Grundvoraussetzungen eines Menschen. Durch die anschließende Ordnungsarbeit und gedankliche Reflexion wächst man tastend an bisher unbekannte Bilder heran. So konkretisiert man diese Bilder „lediglich nur", und muss die größt mögliche Übereinstimmung mit der eigenen Ordnung aufspüren. Es gilt Entscheidungen zu treffen, seine irgendwie gearteten Formulierungen in die gewünscht Form zu bringen. Mit der Zeit werden Vorlieben herausgesiebt, die mit der Zeit enträtselt werden können - nun bewusst, also wissentlich: Will man seinen Willen zeigen, will man z. B. etwas horizontal oder vertikal betonen, will man überhaupt etwas bauen, will man Prozesse als Freund in seine Arbeit mit einbeziehen? Die „Quersumme" aller Funde ergeben das Eigentliche.

Spiele haben einen großen Vorteil: Ohne Resultatshörigkeit kann man sich im Tun treiben lassen. Wie eine Person in einem Kahn, die in einen Strom ihre Angel hält. Das berichtet mir von einer Leichtigkeit: Im Strom sich zu befinden und trotzdem aktiv zu sein. Es ernährt mich, nährt mich. Nicht die große Kraftaufwendung ist gefragt, das Paddeln an sich, sondern „es" kann zu mir kommen. So ähnlich lässt sich vielleicht auch Glücksgefühl umschreiben ...

Unsere Grenzen sind lediglich in unseren Köpfen zu finden. Wir
d ü r f e n Geschichten erzählen und Traumräume zulassen!
In der Reflexion unserer „Märchen" können wir diese als solche oder auch Fragmente herausnehmen, die einem besonders wichtig sind, um mit diesem Fokus den Dialog mit der Mitwelt anzuschüren. Ein Kreislauf der Gedanken ist vorhergezeichnet. Kunst kann ein Weg des persönlichen Wachstums zeichnen, wohl wissend, dass jedes persönliches Wachstum untrennbar mit dem Zustand der Kultur und der Welt verbunden ist. Kunst ist ein Tableau, sich zu diesem Leben zu äußern. Künstlerischer Ausdruck zielt somit auf eine individuelle Ausrichtung hin in der Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Umfeld.

Momentan herrscht in unserer Informations-Gesellschaft ein „Zapper-Denken" vor: Überschaubare Happen an Informationen werden mannigfaltig rezipiert und bestenfalls verknüpft. Man hat das Gefühl in allen Strömungen involviert zu sein und mitreden zu können. Es stellt sich ein Gefühl ein, genug Bodenhaftung bekommen zu haben und austariert zu sein. Jedoch ein Denken in die Tiefe findet kaum noch statt z.B. durch ein Buchstudium oder mit dem eben skizzierten persönlichen Zugang eigener „Automatismen". Doch man braucht Bildung im Sinne „sich ein Bild machen von ...", damit man den Veränderungen einer laufenden Tradition nachkommen kann und auch sie pflegen kann. „Kunst als eine Verdichtung des Geistes einer Zeit". (Uwe Bartholl) Sie sollte man stets bearbeiten, bedenken und durcharbeiten, damit man die Kraft von Kunst auch empfangen kann. Kunst geht über das Abbildhafte hinaus und kann dadurch auch etwas ausstrahlen, - nicht nur als Lebenselixier für den Einzelnen, sondern auch als Kraftstrahlenbündel für die Gesellschaft. Im Gegensatz der harten „nein´s" und „ja´s" der momentan vorherrschenden Kommunikationsformen ist das beschriebene Durcharbeiten, Austarieren oder Abwägen aber nicht als Freibrief für faule Kompromisse oder gar Beliebigkeiten zu verstehen. Es ist ein Plädoyer für ein „ja" oder „nein" m i t bzw. d u r c h begleitenden Prozessen, - für eine Gefühlsbildung, Kraft zum Handeln zu besitzen - in einer „faulen Realität" (Hegel).

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